Die russische Küche

Wenn Sie glauben, hier konkrete Rezepte zu finden, dann werden Sie enttäuscht sein. In diesem Fall sollten Sie besser ein Kochbuch zu Rate ziehen, denn hier geht es um etwas anderes. Die russische Küche ist nicht so bekannt und populär wie beispielsweise die chinesische, italienische oder griechische. Die russische Gastfreundschaft, die reiche Bewirtung und ein mit Speisen voll beladener Tisch gehören jedoch nach wie vor zu den typischen Vorzügen des russischen Volkes. Die Großzügigkeit und Gutherzigkeit der russischen Seele haben so manchen Deutschen in Erstaunen und Begeisterung versetzt. Aber was wäre die russische Küche ohne die russische Hausfrau und Hausherrin, die mit viel Geduld und Aufwand all die Leckerbissen für die Gäste zubereitet und im Alltag oft trotz Berufstätigkeit täglich ein abwechslungsreiches Menü auf den Tisch zaubert. Nicht umsonst heißt sie auch Beschützerin des häuslichen Herdes. Besonders schwer hatte es eine Frau mit Familie zu sowjetischen Zeiten. Damals musste sie trotz spärlichen oder sogar fehlenden Angebots an Lebensmitteln aus dem Nichts etwas machen. (Die Not hat die russischen Frauen erfinderisch gemacht. Und sie haben es gelernt, in jeder Situation ihren Mann zu stehen. Was wäre Russland ohne seine Frauen!). Und wenn sie dann trotz aller Nöte und Sorgen nach all den zeitaufwändigen Vorbereitungen schick zurechtgemacht und mit einem alles überblickenden, aber höchst fraulichen Lächeln als Gastgeberin zu Tisch bittet, erntet sie Anerkennung und Beifall bei männlichen und weiblichen Gästen.

Die Zeiten der Lebensmitteldefizite gehören Gott sei Dank der Vergangenheit an. Heute träumen die russischen Frauen ebenso von Waschautomaten und elektrischen Küchengeräten, die ihnen die Hausarbeit erleichtern und verkürzen.
Es gibt alles zu kaufen. Heute richten sich die individuellen Möglichkeiten nur noch nach dem Geldbeutel. Und deshalb stehen viele russische Frauen nun vor einem anderen Problem; sie können sich vieles nicht leisten. Aber für den Gast sind sie auch heute bereit das Letzte zu geben, selbst wenn morgen das Geld für die Grundnahrungsmittel nicht ausreichen würde.
Wenn Sie in Russland unterwegs sind, dann können Sie in jedem Restaurant, das auf sich hält, eine große Vielfalt von Speisen und Getränken im Angebot finden. Der überwiegende Teil der Großstadthotels hat sich auf Frühstücksbuffets umgestellt, die in Qualität und Reichhaltigkeit nicht hinter den europäischen zurückstehen.
Wenn sie aber etwas von der russischen Seele spüren wollen, dann müssen Sie schon Gast in einer privaten Runde sein. Aber zuvor sollten Sie sich als ausländischer Besucher etwas über russische Tischsitten und Gepflogenheiten informieren.

Beginnen wir mit der Einladung. In Russland ist es nicht üblich, konkret zum Mittagessen, Kaffee oder Abendessen einzuladen. Wenn in Russland (aus welchem Anlass auch immer) eine Einladung ausgesprochen wird, dann müssen Sie für ein Mahl gewappnet sein, das alles umfasst, was sonst eine üppige Ganztagsverpflegung ausmachen würde. Wenn der Anlass gar ein Geburtstag oder ein Jubiläum ist, gilt das um so mehr. Am besten also, Sie nehmen morgens nur einen kleinen Imbiss zu sich. Die anberaumte Zeit muss nicht so pünktlich eingehalten werden wie in Deutschland, denn im Verlaufe einer Stunde (und mehr) trudeln immer wieder neue Gäste ein. Wer gerne einen trinkt, sollte sogar zu spät kommen, weil es in fröhlicher Runde oft üblich ist, die Verspätung mit einem "Strafschnaps" zu ahnden. Man bekommt beispielsweise ein randvolles Glas mit Wodka in die Hand gedrückt und kommt nicht umhin es auszutrinken, weil das Glas keinen Fuß hat und nicht abgestellt werden kann. Schließlich hat man ja im Vergleich zur übrigen Runde viel nachzuholen.
Die Bewirtung beginnt mit Vorspeisen: vielen verschiedenen Salaten aus Fleisch, Fisch oder Gemüse, kalten Platten mit Wurst- und Fleischdelikatessen, Salzhering, russischen sauren Gurken und marinierten Tomaten... Von Anfang an sollte man sich seine Kräfte gut einteilen und sich eine Regel einschärfen: Um die Hausherrin nicht zu beleidigen, muss man von allem probieren. Und vergessen Sie nicht: Obwohl die Vorspeisen auf dem Tisch bleiben, werden bald ein oder mehrere Hauptgerichte aufgetragen. Danach folgen nicht selten noch Obst und dann Tee (oder Kaffee) mit Plätzchen, Konfekt, Torten, Kuchen und russischer Konfitüre ("Warenje"). Der nicht eingeweihte Gast gibt sich schon nach den Vorspeisen geschlagen. Doch er hat keine Chancen nach diesem "leichten Imbiss" die Flucht zu ergreifen. Vorsicht! Die Hausherrin, der Hausherr oder Ihre Tischnachbarn tun Ihnen gern immer wieder auf. Es ist sinnlos, auf eine Frage, ob Sie noch etwas möchten, mit Nein zu antworten. Russische Suppen wie z.B. Borschtsch, Schtschi, Soljanka oder Okroschka werden bei einem Festmahl nicht serviert. Aber Suppen gehören zu den täglichen Gerichten der Russen. Zu einer "anständigen" warmen Mahlzeit gehört unbedingt die Vorsuppe oder wenigstens eine Suppe, die grundsätzlich mit Brot verzehrt wird. Ein russischer Aufklärer soll einst entlarvt worden sein, weil er Brot zur Suppe aß. Das Brot hat für die Russen als Grundnahrungsmittel eine besondere Bedeutung. Es muss unbedingt frisch und weich sein, am besten ofenfrisch und noch dampfend. Da Brot zu jedem Gericht, auch zum Hauptgericht gegessen wird, ist es oft nicht möglich mit Messer und Gabel zu essen. Man hält deshalb in der rechten Hand die Gabel und in der linken das Brot, das dann auch teilweise die Funktion des Messers übernimmt.

Und nun noch ein paar Worte zum Thema Getränke. Auf dem Festtagstisch stehen nach wie vor Wodka, Kognak und russischer Sekt. In letzter Zeit erfreuen sich Bier und auch wieder Wein immer größerer Beliebtheit. Näheres dazu können Sie unter "Wodka und Trinkgewohnheiten" nachlesen. Es sei noch bemerkt, dass die Russen das anscheinend Widersprüchlichste miteinander kombinieren, z.B. Fisch und Fleisch, Wodka und Kognak, Likör und Hauptgerichte.
Im Übrigen ist die russische Küche weder auf Schlankheitsbewusste noch Vegetarier ausgerichtet. Man isst oft schon zum Frühstück eine warme Mahlzeit und abends nach der Arbeitszeit ein warmes Abendessen und trinkt danach noch Tee mit Süßigkeiten.

Wie und wann endet nun eigentlich eine private Feierlichkeit? Auf jeden Fall nicht mit einer Tasse Kaffee. Die Essenrunde kann beliebig wiederholt und fortgesetzt werden. Man feiert, solange die Kräfte reichen, nicht selten sogar bis zum Morgengrauen.

Kaviar

Russische Küche

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